Damals wars: Graffiti Wettbewerb in Görlitz

Damals wars: Graffiti Wettbewerb in GörlitzGörlitz, 12. Juni 2012. Erinnert sich noch jemand an den Graffiti Wettbewerb in Görlitz? Das muss in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre gewesen sein: Ein Sandstrahl-Unternehmer aus Zodel hatte die Aktion angeschoben und – neben weiteren Unternehmen, die sich für die Idee begeisterten – gesponsert. Allerdings stießen die Akteure damals auf wenig Verständnis, zumal es eigentlich zu den Aufträgen des Unternehmers gehörte, Sprayereien zu entfernen. Wie war das damals?

Abb.: Die Betondurchlässe am Festplatz Kidrontal sind ein kleines Denkmal für den ersten und einzigen Görlitzer Graffiti Wettbewerb

Foto: © BeierMedia.de

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Graffiti Szene hat Profis hervorgebracht

Graffiti Szene hat Profis hervorgebracht

Die im Graffiti Wettbewerb aufgesprühten Motive waren deutlich fantasievoller als das, was Sprayer in jüngerer Zeit hinterlassen haben

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Eine Idee für einen guten Zweck

Thomas Beier aus Markersdorf, der als Unternehmensberater die Idee zu diesem Wettbewerb hatte, erläutert, worum es ging: "Damals war die Sanierung von Wohngebäuden in Görlitz, so wie es Professor Schöner dokumentiert hat, in Fahrt gekommen. Doch zum Ärger vieler Hauseigentümer und Bewohner dauerte es nicht lange, bis die neuen Fassaden die Spuren von Spraydosen trugen. Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, die Sprayer davon abzuhalten."

Dabei unterscheidet Beier sehr wohl zwischen Sprayern, Taggern und Graffiti Künstlern, weiß aber auch: "Irgendwie sieht sich selbst der unbegabteste Sprayer als Teil der Graffiti Szene – und an die kommt man nicht ran. Selbst wenn es gelänge, mit den Sprayern über den Schaden, den sie verursachen, zu sprechen, fruchten würde es wohl nichts." Was also tun? Polizeiliche Mittel wirken hier nur begrenzt, man kann ja nicht an in jeder Nacht an jede Straßenecke einen Polizisten stellen.

Schwierige Vorbereitungen

Als Hintertür zum Eintritt in die Sprayerszene wurde schließlich die Idee des Graffiti Wettbewerbs geboren. Den tatsächlich anzuschieben, erwies sich als komplizierter als gedacht: Die Sprayer hatten Bedenken, dass ihre beim Wettbewerb entstehenden Werke etwa durch Vergleich zur Strafverfolgung genutzt werden könnte oder dass sie durch ihre bloße Teilnahme in den Kreis Verdächtiger geraten könnten. In Gesprächen mit den Sprayern und der Polizei musste also im allerersten Schritt Vertrauen aufgebaut werden.

Dann wurden die Rahmenbedingungen organisiert. Das Betonwerk Schuster aus Cunewalde sponserte zwei große Betondurchlässe. Kippt man die um, hat man jeweils vier Wände, außerdem kann man sie aufeinanderstapeln. Auf einem Tieflader gelangten die Betondurchlässe auf das Betriebsgelände des Görlitzer Mercedes-Benz Autohauses, wo der Graffiti Wettbewerb auch stattfand. Das hatte seinen Grund: Öffentlich gesehen werden wollten die Sprayer bei ihrer Arbeit nicht.

Die Betondurchlässe wurden weiß grundiert und dann war eine Woche lang Zeit, die Graffitis aufzubringen – eine prima Gelegenheit, mit den Sprayern ins Gespräch zu kommen. Fast jeden Tag waren dazu Fachleute eingeladen. Endlich hatten etwa Denkmalschützer die Gelegenheit, mit den Sprayern darüber zu sprechen, was passiert, wenn auf Sandstein gesprüht wird. Der Schaden ist dann nämlich nicht nur oberflächlich, sondern nicht mehr zu beseitigen, weil Bestandteile der Sprühfarbe tief in den Stein einziehen. Aus Berlin kam eine Szene-Größe und veranstaltete einen Graffiti Workshop.

Nach der Wettbewerbswoche wurden die Betondurchlässe in die Görlitzer Innenstadt gebracht und auf dem Obermarkt – auf der Ecke, wo sich das Betattungshaus Ullrich befindet – aufgestapelt und für Tage – oder mögen es sogar zwei Wochen gewesen sein – ausgestellt. Heute stehen die damals für den Graffiti Wettbewerb verwendeten Betonteile auf dem Festplatz Kidrontal in Görlitz-Königshufen. "Noch heute kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, wenn ich vorbeifahre und daran denke, was man damals in Görlitz mit ein wenig Chuzpe durchziehen konnte", kommentiert Beier.

Die Effekte

Das Ziel des Graffiti Wettbewerbs, mit der Szene ins Gespräch zu kommen, wurde erreicht. "Die meisten Sprayer sind ja nicht blöd, sie sehen ihr Tun als Teil der Kultur und eine Form der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft", resümiert Beier zurückblickend, "Tatsächlich gingen damals für eine Weile die wilden Sprayereien zurück." Das mag auch daran gelegen haben, dass die Sprayer Flächen… "Lieber darüber nicht schreiben", wirft Beier grinsend ein, "jedenfalls kursierten auf einmal Flächen, auf denen sich die Sprayer austoben konnten, ohne sich einer Strafverfolgung auszusetzen."

Nun macht kein Unternehmer eine solche Aktion, um einfach nur Gutes zu tun. "Von Anfang an war den Initiatoren klar, dass der Graffiti Wettbewerb ein alterozentristischen Projekt sein musste", plaudert Beier aus dem unternehmerischen Nähkästchen. Alterozentrismus bedeutet: Tue Gutes, damit es Dir später selbst gut geht. Das ist etwas ganz anderes als purer Eigennutz – und die Variante, immer nur Gutes zu tun im Sinne von Verschenken hat bislang noch jedes Geschäft ruiniert."

Der Effekt für die beteiligten Unternehmen lag in der öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Wettbewerb zuteil wurde und mit der zugleich die Bekanntheit der Unternehmen gesteigert wurde. "Im Grunde freuten wir uns über jeden, der so richtig darüber schimpfte, dass man den Schmierfinken jetzt auch noch eine Bühne gebe und ihnen Preise verleihe", erinnert sich Beier. Kritik verbreite sich nun einmal besser als Zustimmung.

Inzwischen hat Beier, wohl auch ausgelöst durch den Wettbewerb, in seinem Geschäft längst eine PR-Agentur integriert. PR ist das Kürzel für Public Relations, die öffentlichen Beziehungen. Kurz gesagt geht es darum, dass Unternehmen und andere Organisationen in der öffentlichen Aufmerksamkeit präsent bleiben und einen solchen Ruf entwickeln, dass sich Kunden bevorzugt an diese wenden. Während Werbung Gefahr läuft, eben als "nur Werbung" abgetan zu werden, ist PR durchaus ein Betrag, in den Zielgruppen Präferenzen herauszubilden.

Im konkreten Fall klappte alles hervorragend: Der Graffiti Wettbewerb wurde in der Presse angekündigt, während der Veranstaltungswoche berichtete die Presse mehrfach und schließlich standen die Wettbewerbsergebnisse auf einem belebten Platz in der Innenstadt. Die im Ergebnis höhere Bekanntheit und das weiter gesteigerte positive Image der Beteiligten mit Werbung zu erzeugen hätte vermutlich ein Vielfaches gekostet.

Wie Graffitis heute eingesetzt werden

Gesprüht wird freilich heute noch immer, wie man in sehr unterschiedlicher Qualität etwa auf dem früheren Schlachthofgelände an der Cottbuser Straße in Görlitz sehen kann. Einige wenige aus der Graffiti Szene haben sich aber professionalisiert und verdienen Geld mit ihren Arbeiten. Zweifellos handelt es sich um Kunst und die Frage, ob Graffiti eher dem gewerblichen Kunsthandwerk zuzuordnen sei, ist theoretischer beziehungsweise lediglich gewerberechtlicher Natur.

Aufträge für Graffiti Künstler kommen aus der Wirtschaft wie auch von Immobilienbesitzern. Für manche ist der künstlerische Akzent am oder im Gebäude wichtig, der ja zugleich ein soziokulturelles Statement ist. Andere haben einen eher rationalen Aspekt im Sinn: Von Graffiti Künstlern gestaltete Flächen werden in der Szene gewöhnlich respektiert. Bevor also das Haus – was in bestimmten Gegenden gar nicht zu verhindern ist – wild zugesprüht wird, ist es besser, Graffitis Profis zu beauftragen, bei denen man in Bezug auf die Motivgestaltung ein Wörtchen mitreden kann.

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  • Erstellt am 12.06.2021 - 14:50Uhr | Zuletzt geändert am 12.06.2021 - 15:54Uhr
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