Risikogruppen ausgrenzen?

Risikogruppen ausgrenzen?Görlitz, 16. Mai 2020. Von Thomas Beier. "Ich bin fassungslos", kommentierte Susanne Schneider aus Görlitz auf facebook die online veröffentlichten Hinweise eines Görlitzer Hotels anlässlich der Öffnung nach der Schließung wegen der Corona-Pandemie. Die Frau hat in ihrem Unmut recht.

Die Görlitzer Gastronomen und Hoteliers freuen sich auf ihre Gäste. Eine laue Sommernacht beispielsweise in der Görlitzer Altstadt genießen, da scheint die Zeit stehenzubleiben. Und die Region Görlitz bietet mehr als genug Potential für einen Urlaub, an den man sich gern erinnert.

Symbolfoto/Archivbild: © BeierMedia.de

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Riskogruppen gefährden niemanden mehr als andere auch

Thema: Coronavirus

Coronavirus

Infektionen mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Mit den Rahmenbedingungen, die das Hotel zur Nutzung durch seine Gäste festgelegt hat, schießt es über das Ziel hinaus und diskriminiert Ältere und Vorerkrankte, in Bezug auf die Corona-Pandemie umgangssprachlich Risikogruppen genannt. So findet sich unter "Belegungsrestriktionen" folgender Anstrich: "Der Hotelzugang wird für die ersten Wochen nach "Neueröffnung am 15.5.20" nicht für Risikogruppen möglich sein. Bitte geben Sie uns etwas Zeit, Routine für die neuen Hygienemaßnahmen zu erlangen." Entsteht das nicht der Eindruck, die Risikogruppen würden spezielle Hygienemaßnahmen erfordern?

Richtig deutlich wird es an der Stelle, wo Voraussetzungen für eine Buchung genannt werden: "Sie sind jünger als 70 Jahre oder leicht darüber, dabei fit und können nachfolgende Kriterien für sich ausschließen!" (im Internet gilt ein Ausrufungszeichen als, gelinde gesagt, erhöhte Lautstärke).

Mehr noch: Da reichen als Voraussetzung unter anderem schon Hausschmerzen aus, um draußen vor der Tür bleiben zu müssen. Nun ist es sicherlich vernünftig, wenn jemand erkältet ist, dass er vermeidet, andere anzustecken und deshalb auch auf einen Hotelaufenthalt verzichtet. Andererseits fehlt der Hinweis "es sei denn, eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 ist ausgeschlossen" – wer mit Covid-19-Sympromen zum Arzt geht, wird heutzutage nahezu zwangsläufig auf den Erreger getestet. Genannt werden vom Hotel "relevante Vorerkrankungen", etwa insulinabhängiger Diabetes mellitus, arterielle Gefäßerkrankungen oder Herzschwäche, Erkrankung der Nieren und ableitenden Harnwege und andere mehr, die zu einem Ausschluss vom Hotelaufenthalt führen.

Das Problem

Wo ist das Problem? Des Pudels Kern hat auch die Görlitzer Ortstageszeitung in ihrer gestrigen Ausgabe nicht erkannt: Die sogenannten Risikogruppen stellen keinerlei erhöhtes Risiko für andere dar, sondern sie haben lediglich selbst das Risiko, dass eine Erkrankung an Covid-19 einen besonders schweren Verlauf nimmt. Warum aber soll man Menschen, die für andere keine besondere Infektionsgefahr mitbringen, von der Teilhabe ausschließen? Wer zur Risikogruppe gehört, kann eigenverantwortlich überlegen, welchen Risiken er oder sie sich aussetzt. Da kann es eine Entscheidung sein, auf einen Hotelaufenthalt und den Besuch weiterer Orte, an denen man mit anderen zusammenkommt (anderen näher kommt wäre jetzt missverständlich) und wo vielleicht per se ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht, zu verzichten. Das bleibt aber in jedem Fall die Entscheidung der Betroffenen – sie auszuschließen und damit zu stigmatisieren, dafür gibt es nicht den geringsten Grund.

Wer vom Erfolg verwöhnt ist, muss aufpassen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Richtig dicke kommt es, wenn zu lesen ist. "Sollten Erkältungssymptome oder sonstige gesundheitliche Einschränkungen erkennbar werden, müssen wir sie entweder einer medizinischen Versorgung zuführen oder nach Hause schicken. Ein Check-in in unserem Hotel ist in diesem Fall nicht möglich." Einer medizinischen Versorgung zuführen – eine Zuführung, das ist Polizeisprech. Einmal niesen an der Rezeption reicht also aus, um zugeführt zu werden? Schöne neue Nach-Corona-Welt.

Warum der Görlitzer Anzeiger das Hotel nicht beim Namen nennt: Unternehmen, die unter der Coronakrise leiden, braucht man nicht noch zusätzlich in die Pfanne zu hauen, gleichwohl müssen Missstände offengelegt werden.

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Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Hotel für Ältere

Von Heinz Zimmer am 20.05.2020 - 20:25Uhr
Da kann man nur sagen UNVERSCHÄMT!!!

Görlitzer Hotel bleibt für Ältere und Kranke tabu

Von Heike Graf am 19.05.2020 - 12:03Uhr
Es ist eine Ausgrenzung und Diskrimminierung von Menschen, wenn ein Hotel klar definiert und auswählt, wer als Gast das Haus aufsuchen darf und dann für die erbrachte Leistung zahlen darf. In unserem Grundgesetz steht jedoch etwas anderes....alle Menschen sind gleich.....und keiner darf auf Grund seines Alters usw. benachteiligt werden.

Meine Freundin, die in Görlitz lebt und zur Risikogruppe gehört, wird eindeutig ausgegrenzt, sie kann das Hotel nicht nutzen. Gerade sie und all die anderen Menschen brauchen in dieser Krise unser Verständnis, Fürsorge und schöne Momente. Lieber Herr Klaus, das sehe ich besonders für die "ausgegrenzten Personengruppen" als notwendig an. Verständnis und keine Ausgrenzung und Diskriminierung. Dem möchte ich hier deutlich widersprechen!

Sollte meine Freundin (was ich nicht denke) auf die Idee kommen, mich im Sommer, wenn ich in Görlitz bin, ins Haus der Sinne auf einen Cafe an der Terasse zum See einzuladen (das hat sie bisher mehrmals gemacht) werde ich sie davon abhalten. Ich möchte diese Vorgehensweise und Handhabe nicht unterstützen, sondern deutlich ein Zeichen setzen.

Für meine liebe Freundin aus Görlitz tut mir das sehr sehr leid, doch ich bin zuversichtlich, wir werden ein anderes Haus finden, welches uns herzlich willkommen heißt und wohin ich meine Freundin dann einlade!

Heike Graf

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 16.05.2020 - 05:41Uhr | Zuletzt geändert am 16.05.2020 - 07:14Uhr
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