Siemens Görlitz könnte zum Vorbild im Strukturwandel in der Lausitz werden

Siemens Görlitz könnte zum Vorbild im Strukturwandel in der Lausitz werdenGörlitz, 16. Juli 2019. Von Thomas Beier. Der Tiefpunkt war im Spätherbst 2017 erreicht: Das traditionsreiche heutige Siemens-Turbinenwek in Görlitz sollte geschlossen werden. Hintergrund war ein vorgesehenes Maschinen- und Kompetenzrücken unter den Siemens-Produktionsstandorten, mit dem der Konzern auf den eingebrochenen Bedarf an großen Dampfturbinen reagieren wollte. Schließlich waren es die Mitarbeiter selbst und viele Kräfte aus Politik, Gesellschaft und Verwaltung, die sich ebenso wie bei Bombardier Görlitz für den Erhalt der strukturbestimmenden Industrie in der Neißestadt einsetzten.
Abbildung: Die Geschichte des Turbinenbaus und der Kraftwerkstechnik sind in Görlitz ein Fundament, auf das man bauen kann. Gut, wenn sich die Geschichte in die Unternehmensphilosophie und neue Leitbilder einfügt

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Zukunftsthema Wasserstoff

In Görlitz soll bei Siemens ein Innovationscampus entstehen. Das ist Herausforderung genug, denn der Qualifikationsbedarf des Personals dürfte am Standort schon in wenigen Jahren ein ganz anderer sein als noch heute. Zum soll es in Görlitz künftig um eher klassische Industriethemen wie Automatisierung, vor allem unter digitalem Vorzeichen, gehen. Das eigentliche Zukunftsthema, dem man sich in Görlitz widmen will, ist jedoch Wasserstoff, dass das Zeug zum weitestgehend universellen Energieträger der Zukunft hat, wenn er nur umweltfreundlich gewonnen wird. Wasserstoff gewinnt man mit elektrischem Strom per Elektrolyse aus Wasser, wozu man umweltfreudlich erzeugten und preiswerten Strom benötigt. Ein wichtiger Aspekt dabei: Das zeitweise Strom-Überangebot aus der Solar- und Windkraft kann bei der Wasserstoffgewinnung verwendet werden.

Wenn sich der Innovationscampus der Energietechnik zuwendet, sollte auch die Hochschule Zittau/Görlitz, unter derem Dach schon immer die Energietechnik zu Hause ist (sogar einen eigenen kleinen Kernreaktor gab es hier) im Boot sitzen. Es kommt ja nicht nur darauf an, gute Ideen zu haben, sondern die auch in der Praxis wirksam zu machen, erst dann wird der Innovationscampus seinem Namen gerecht. Und dass ein Campus immer zu einer Hochschule gehört, sollte jedem klar sein.

Für die Siemensmitarbeiter und andere, für die der Innovationscampus eine Option darstellt, wird damit die neue Arbeitswelt am alten Görlitzer Industriestandort einziehen. Wenn dafür geworben wird, dass sich junge Unternehmen und Startups mit Ideen am Innovationscampus ansiedeln sollen, dann kommen damit wohl ganz neue Anforderungen an Flexibilität und Risikofreude, die wenig mit der alten Industrie zu tun haben. Dass so ein Innovationscampus Wissenschaftler und Techniker nach Görlitz ziehen wird und generell den Austausch mit anderen Einrichtungen vorantreibt, kann der Stadt und ihrer Weltoffenheit nur guttun.

Die Beutung dessen, was Siemens da in Görlitz anschiebt, zeigte sich am gestrigen Montag vor Ort an den vielen Gesichtern von Leuten, die Verantwortung übernommen haben: Siemens-Chef Joe Kaeser, Bundeskanzlerin Dr. rer. nat. Angela Merkel, Ministerpräsident Michael Kretschmer, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Prof. Dr.-Ing. habil. Prof. E. h. Dr.-Ing. E. h. mult. Dr. h.c. mult. Prof. Dr.-Ing. habil. Reimund Neugebauer und der Leiter des Konzernforschung Energie und Elektronik bei Siemens, Prof. Dr.-Ing. Armin Schnettler, waren darunter.

Video:
Prof. Dr.-Ing. Armin Schnettler zur Energiewende, unter anderem: Wasserstoff statt Stromtrassen

Mehr:
Görlitz im manager magazin
Der Mann dahinter in der Süddeutschen Zeitung

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Matthias Wehnert
  • Erstellt am 16.07.2019 - 05:50Uhr | Zuletzt geändert am 16.07.2019 - 06:56Uhr
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