Die Görlitzer Wirtschaft - wie immer

Görlitz, 12. Januar 2015. (FRS) Zu ihrem dritten Neujahrsbrunch waren Vertreter der Görlitzer Wirtschaft gestern in der Landskron Brauerei ("Kulturbrauerei") zusammengekommen. Hauptredner war der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD).

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"Was braucht die Görlitzer Wirtschaft?", überlegt Fritz R. Stänker

Dulig hatte in seiner Rede "Unternehmenswachstum, Breitbandausbau und Fachkräfte" als Kernthemen für die Region diskutiert. Das passt freilich mehr oder weniger nahezu überall im sächsischen Ländle. Entsprechend universell kompatibel ist Duligs Aussage: "Wir werden die sächsischen Unternehmen bei ihren Wachstumsanstrengungen unterstützen – beim Breitbandausbau und vor allem mit Investitionen in kluge Köpfe sowie innovative Konzepte und Produkte.“ So hätte ich das am Küchentisch (an einem solchen hatte Dulig seinen Wahlkampf geführt) auch gesagt.

Mehr Polizei!

Seitens der regionalen Unternehmerschaft wurde wieder einmal die Forderung nach mehr und besser ausgerüsteten Polizeibeamten laut. Richtig - aber die Kriminalität an ihren Wurzeln bekämpfen kann man allein damit nicht.

Die Braunkohle muss weg! Oder?

Dulig sprach sich für den weiteren Braunkohlenabbau im Norden des Landkreises Görlitz aus - was auf dem Gebiet der Energieversorgung wie auch der -nutzung einer Innovationsbremse gleichkommt. Anstelle auf die zukunftsweisende dezentrale Erzeugung elektrischen Stroms zu setzen soll der umweltschädliche, Sozialstrukturen und Landschaften vernichtende Abbau der Braunkohle fortgesetzt werden, anstelle die Möglichkeiten des angebotsabhängigen Stromverbrauchs und die bei Ausbau der erneuerbaren Energien mögliche Nutzung des an Sonnen- und Windtagen entstehenden Überangebots von Strom beispielsweise für die Wärme- und Wasserstofferzeugung auszubauen wird einer in Ihrer Bedeutung abnehmenden Grundlastversorgung gehuldigt. Einem traditionellen Innovationsland wie Sachsen wird das nicht gerecht.

Wo bleibt der Stärkenausbau?

Da, wo es Ansätze für den Stärkenausbau gibt, versagt die ostsächsische Wirtschaft: Still ruht der Berzdorfer See unter immer wieder hochfliegenden Visionen, wo doch pragmatisches Vorgehen so nötig wäre. Völlig zu recht bedauerte auch der Vorsitzende des Görlitzer Unternehmerverbandes Heiko Kammler, dass die Grenzlage der Stadt Görlitz nicht als Stärke gesehen werde. Was hilft da das frühere Geschwätz von der Stadt im Herzen Europas?

Dass Görlitz mehr kann, beweist hingegen eine ganze Anzahl mittelständischer Unternehmen, die teils seit Jahrzehnten in der Stadt existieren. Schade, dass sich nur wenige dieser Unternehmer in der Stadtpolitik engagieren.

Eine Fachkraft - was ist das?

"Damit Innovationen gelingen, brauchen wir qualifizierte Fachkräfte. Mit der Einführung des Mindestlohns, der Stärkung der dualen Ausbildung und der Integration von Langzeitarbeitslosen schaffen wir dafür in Sachsen faire Arbeitsbedingungen und wichtige Anreize“, so Dulig. Ach Herr Dulig, lassen Sie sich das doch bitte noch einmal durch den Kopf gehen: Faire Arbeitsbedingungen resp. Fachkräfte entstehen also aus der Integration von Langszeitarbeitslosen, aus der Stärkung der dualen Ausbildung und dem Mindestlohn?

Fakt ist doch, dass eine Beschäftigungsfähigkeit vieler Langzeitarbeitsloser mittlerweile kaum noch hergestellt werden kann, Fachleutenachwuchs kann man aus diesem Jobcenter-Klientel wohl nicht generieren. Wenn es dann auch noch um faire Arbeitsbedingungen geht, stehen Fragen der Mitarbeiterführung im Vordergrund, und die dürfte in vielen (bei weitem nicht allen!) ostsächsischen kleinen und mittleren Betrieben allenfalls rudimentär entwickelt sein.

Warum eigentlich kehren junge Leute, die eine höhere Bildung erworben haben, so oft nicht nach Ostsachsen zurück? Weil es diesen "Fachkräften" an Entwicklungsmöglichkeiten wie auch Umfeld mangelt. Nur wenige besitzen die Chuzpe, den zementierten Verhältnissen vor Ort die Stirn zu bieten. Görlitz ist das Tal der Ahnungslosen geblieben, was Weltoffenheit und Innovationslust betrifft, schrecklicherweise junge Leute inklusive.

Überhaupt ist die Definition "Fachkräfte" zu hinterfragen. Geht es vielen Unternehmern nicht vielmehr um den ordentlichen, strebsamen, fleißigen, bescheidenen und flexiblen Facharbeiter, der immer zum Wohl der Firma bereit steht? Sorry, wer daran glaubt: Dieses Leitbild funktioniert nicht mehr. Wer was "auf dem Kasten" hat, braucht anderes: Berufliche Selbstverwirklichung samst Freiraum, Freizeit, angemessene Bezahlung - nicht malochen, um mehr schlecht als recht eine Familie durchzubringen. Nein, weder die Stadt Görlitz noch der Landkreis sind ein guter Ort für junge Leute, die woanders soziales Umfeld, Wirtschaft und Kultur erlebt haben, selbstredend von Ausnahmen abgesehen.

Erwähnt werden muss: Dulig lobte die (zu 75 Prozent aus Landesmitteln finanzierte) Servicestelle in Reichenbach/O.L., die auch ausländische Fachkräfte bei der Integration in den regionalen Arbeitsmarkt unterstützen soll.

Wir sind gespannt, wie sich das alles so entwickeln wird bis zum nächsten Neujahrsbrunch und hoffen auf gute Besserung.

Ihr Fritz R. Stänker

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  • Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 12.01.2015 - 01:52Uhr | Zuletzt geändert am 12.01.2015 - 15:24Uhr
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