Soll das Bashing weitergehen?

Soll das Bashing weitergehen?Görlitz, 14. April 2018. Von Thomas Beier. Gestern kam auf facebook eine Freundschaftsanfrage von einem Fake-Profil, verbunden mit der Einladung an einem "Protestchor" auf dem Marienplatz teilzunehmen. Worum geht es?
Abbildungen: Blicke aus dem in Sanierung befindlichen Kaufhaus auf den Marienplatz

Es geht nicht um den Boten, es geht um die Botschaft

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Thema: Menschenrechte

Menschenrechte

Menschenrechte sind weltweit Thema. Die Erinnerung an die "sozialistische Rechtsprechung" und das SED-Unrecht sowie die vorangegangene Nazi-Diktatur mahnen, auch in Deutschland Menschenrechte nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern immer wieder dafür einzutreten.

Unter der Überschrift "Herr Stöcker, wir widersprechen" soll an zwei Tagen auf dem Marienplatz geübt werden, womit dann am Wochenende der im Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus stattfindende EURO FASHION AWARD gestört werden soll. Eigentliche Adresse des "Protests" ist aber der Kaufhausinhaber und Initiator des Awards, der Wissenschaftler und Unternehmer Prof. Dr. med. Winfried Stöcker.

Von den Initiatoren wird Stöcker "Menschenverachtung", "Sexismus", Rassismus" vorgeworfen – und siehe da: schon bleibt was hängen, "Da muss ja was dran sein", registriert Lieschen Müller. Die Realität sieht anders aus: Einigen sich tolerant gebenden Leuten, darunter auch im realen Leben guten Freunden (Vergebung!), passt es wohl nicht ins Schema, wenn jemand anderer Meinung ist und das Vermögen hat, entsprechend seiner Meinung und seines Wissens entgegen der allgemeinen Kakophonie auch zu handeln.

Wir erinnern uns: Das Stöcker-Bashing begann mit dessen Weigerung, ein Konzert zugunsten von Flüchtlingen und Asylbewerbern in seinen Räumen zulassen (Görlitzer Anzeiger vom 22. Dezember 2014). Seine Ansicht auf den Punkt gebracht : Nicht Anreize zur Flucht nach Europa setzen, sondern in den Herkunftsländern Entwicklungsprozesse unterstützen. Dass die nackte Message emotional interpretiert wird und von political correctness durchdrungene Leute auf den Plan ruft , wurde Stöcker wohl erst im Anschluss klar, wie er im MDR-Interview bereits am 21. Dezember 2014 bedauerte. Die nachfolgende Entwicklung hat den Görlitzer Anzeiger am 11. März 2015 zu einem Kommentar veranlasst.

Zur Weihnachtszeit 2017 dann der nächste Aufschrei: Stöcker veröffentlichte auf seiner Webseite seine Weihnachtsansprache. Fehler diesmal: In saloppen Worten (bester Disco-Slang: anbaggern, herangemacht) schilderte er, stellenweise ironisch, seine Meinung zu dem, was sich als #metoo-Bewegung manifestierte und bedachte dabei nicht, dass vor seinen Mitarbeitern das gesprochene Wort völlig anders wirkt als die schriftliche Wiedergabe in der Öffentlichkeit. Und wieder fühlten sich sonst kluge Leute bemüßigt, den Zeitgeist zu bedienen und Stöckers Rede für sich selbst als Plattform zur Selbstinszenierung zu nutzen.

Das gleiche Motiv dürfte die Görlitzer Marienplatz-Aktivisten treiben. Aber welchen Sinn macht es, öffentlich gegen einen, sagen wir mal nicht mehr jungen Mann zu protestieren, dem man allenfalls vorwerfen kann, Ansichten zu vertreten, die andere als überholt oder nicht zutreffend ansehen? Immerhin blickt Stöcker auf ein großartiges Lebenswerk zurück, als Unternehmer, der Geld verdient, weil er Nutzen für andere Menschen generiert. Seine Diagnostikgeräte haben in vielen Ländern gesundheitliche Anwendungen überhaupt erst möglich gemacht. Der Stadt Görlitz tut Stöcker mit seinem privaten und vor allem wirksamen Einsatz für das Jugendstil-Kaufhaus, dem neuen Modehaus am Postplatz sowie mit dem EURO FASHION AWARD ausgesprochen Gutes. Wer sich mit dem Thema Stöcker argumentativ auseinandersetzen möchte, kann die Kommentarfunktion unter diesem Beitrag gern nutzen: Das ist ebenfalls öffentlich, beschädigt aber nicht die für Görlitz wichtige Veranstaltung und damit die Stadt selbst.

Während die Gesellschaft sich in der Flüchtlings- und Migrationsfrage nach dem Überschwang der Willkommenskultur wieder auf das nötige Engagement zur Betreuung und Hilfe bei der Anpassung an die hiesigen Verhältnisse konzentriert, flackert die Sexismusdebatte weiter. Dabei wird sie sehr einseitig geführt gegen Männer, die Frauen nötigen. Richtig, das darf nicht sein, aber im Zuge der Diskussion werden einerseits Männer zu sexsüchtigen Monstern stilisiert und andererseits wird der sexuelle Missbrauch durch Frauen (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 14./15. Oktober 2017, Seite 37) völlig ausgeblendet. Wer seinen Unmut über Stöckers Weihnachtsansprache (Waren die Mitarbeiter eigentlich entsetzt oder haben Zustimmung signalisiert?) nun aber in die Welt tragen möchte muss sich fragen lassen, ob nicht besser tatsächlich übergriffige Menschen gebrandmarkt werden sollten.

P.S.:
In meine Studienjahren gab es eine schöne Sitte: Wer "frei" war, quasi angebaggert werden wollte, trug hinten an der mittleren Gürtelschlaufe der Jeans einen Schlüsselring. In der heutigen aufgeklärten und damit komplizierteren Gesellschaft wäre eine Button-Lösung denkbar:

  • Rot: Senke deinen Blick, schau mir keinesfalls in die Augen!
  • Gelb: Nein heißt nein!
  • Grün: Umgarne mich!


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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 14.04.2018 - 09:24 Uhr
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