Görlitz bietet Service für Reisegruppen

Görlitz bietet Service für ReisegruppenGörlitz, 7. September 2017. Für Übernachtungsanbieter, Museen, Gaststätten und weitere Anbieter sind alle Görlitz-Touristen herzlich willkommen, besonders lukrativ sind jedoch jene, die geballt als Gruppe nach Görlitz kommen. Deshalb gibt es jetzt eine Neuauflage des Gruppenreisekatalogs, der Informationen für Reiseveranstalter, Vereine und private Gruppen – vom Vereinsausflug bis zum Familien- und Klassentreffen – zusammenfasst. Herausgeber ist die stadteigene Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH (EGZ). Sie hat klassische und thematische Stadtführungen, Halbtages- und Tagesprogramme und mehrtägige Reisearrangements zusammengetragen.

Kommentar: Warum dem Osten die Menschen ausgehen

Kommentar: Warum dem Osten die Menschen ausgehen

Licht und Schatten auf der Berliner Straße in Görlitz: Die Stadt besuchen – unbedingt! Aber bleiben für immer?

"Wir wollen damit Gruppen von Busreise-Ausflüglern über die Ausfahrt mit dem Sportverein bis zum Klassentreffen Anregungen geben, Görlitz und die Region zu entdecken", erläutert Eva Wittig, Marketingleiterin bei der EGZ, das Anliegen der Broschüre.

Zgorzelec einbezogen

Einige Angebote des neuen Gruppenreisekatalogs sind besonders gekennzeichnet – nämlich dann, wenn sie mit dem 20-jährigen Jubiläum der Europastadt Görlitz-Zgorzelec zu tun haben. Das steht 2018 ins Haus. "Den Besuchern wollen wir nicht nur Görlitz zeigen, sondern sie natürlich auch in unsere polnische Schwesterstadt Zgorzelec mitnehmen – wie beispielsweise mit einem Tagesprogramm auf den Spuren von Jacob Böhme oder bei einer geführten Radtour entlang des deutschen und polnischen Neißeufers", rückt Wittig den Europastadtgedanken stärker in den Focus.

Damit will sich Görlitz als Teil der Europastadt noch stärker als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Oberlausitz und weitere Ziele positionieren; schließlich ist es von hier bis ins ostsächsische Dreiländereck, ebenso ins UNESCO Weltkulturerbe Fürst-Pückler-Park Bad Muskau. Auch Breslau (Wrocław) und Prag (Praha) sind typische, von Görlitz gut erreichbare Tagesausflugsziele.

Viele Angebote – viele Übernachtungen

Insgesamt vereint der Katalog Gruppenreise-Angebote von rund 300 Partnern aus dem Tourismusbereich. Neben Messeteilnahmen, Anzeigenschaltungen und weiteren Maßnahmen gehöre der Gruppenreisekatalog zum "breiten Marketing-Mix der EGZ für Görlitz", so die EGZ. Was die EGZ mit dem neuen Katalog erreichen will ist, die Bekanntheit von Görlitz als Reiseziel und damit das Besucheraufkommen weiter zu steigern. Schaut man sich Halbjahresbilanz 2017 (Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen) an, so deutet alles darauf hin, dass der Tourismus ein noch immer wachsender Wirtschaftsfaktor für die Neißestadt ist: 58.188 Gäste und 126.844 Übernachtungen bedeuten Steigerungen zur Vorjahreszeitspanne von 5,2 bzw. 3,6 Prozent.

Gruppenkatalog angucken!
http://www.goerlitz.de/Informationsmaterial.html

Programme für Gruppen!
http://www.goerlitz.de/Gruppenreisen.html



Kommentar:

Wenn die Görlitzer Wirtschaftsförderer von ihrem "breiten Marketing-Mix für Görlitz" sprechen, muss man auch erklären, was das ist. Zum klassischen Marketing-Mix gehören die Kommunikation per Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, die Vertragsbedingungen und Preisgestaltung, die Definition von Produkten und Sortimenten sowie – last not least – die Distribution, also schließlich alles logistisch oder informationell auch tatsächlich an den (künftigen) Touristen und die Touristin zu bringen. Einem erweiterten Marketing-Mix-begriff könnte man auch die Stufen der Servicequalität hinzurechnen, sowohl der angebotenen wie auch der von den Touristen real erlebten – nur wer auch diese Klaviatur des Marketings beherrscht, kann das Maß aktiver Weiterempfehlungen ausbauen.

Im Tourismus-Marketing ist die EGZ also auf die eigentlichen Tourismusanbieter in der Stadt angewiesen. Wie und zu welchen Preisen die ihre Kunden unter Vertrag nehmen, wie die Anbeiter ihre Angebote gestalten, was die Tourismuskunden im Umgang mit ihnen erleben und – unabhängig vom höflichen Lob – dann wirklich über Görlitz weitertragen, darauf hat die EGZ nur sehr bedingt Einfluss.

Interessant wäre, welche tatsächlichen Effekte – unterm Strich in Euro ausgedrückt – die Tourismuswerbung für Görlitz bringt, anders gesagt: Wer profitiert von den als Folge der EGZ-Aufwendungen steigenden Übernachtungszahlen? Sicherlich zuerst Beherbergungsbetriebe und Gastronomie. Das aber sind Bereiche, die einen hohen Anteil an Minijobbern beschäftigen und nicht als überdurchschnittlich hoch bezahlende Branchen bekannt sind. Weiter leben vom Tourismus mehr oder weniger stark bestimmte Dienstleister und Einzelhandelsbranchen. Für die Stadtverwaltung interessant ist freilich vor allem die Gewerbesteuer, die Betriebe mit einem Jahresgewinn zahlen müssen, der über 24.500 Euro liegt.

Tourismus als beschäftigungswirksamer Wirtschaftsfaktor? Freilich, aber es ist nicht der wirkungsvollste Punkt. 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung (die "DDR"-Bürger waren jahrzehntelang in der Schule darauf vorbereitet worden, worauf sie sich mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem einlassen) liegt die ostdeutsche Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung noch immer bei nicht einmal Dreiviertel der westdeutschen. Wie lange will man sich noch auf die wirtschaftliche Seite der Wiedervereinigung, die einem maroden Wirtschaftssystem, in dem Engagement und Innovationen von SED-Funktionären häufig genug systematisch ausgebremst wurden, lediglich den Gnadenstoß gab, berufen? Ach ja, schon die SED sang ja gern das Lied "vom schweren Anfang", das ist tief verankert.

Schritt für Schritt entwickelt sich der Osten zum Sorgenkind der deutschen Nation. Hauptursache: der fehlende Zuzug leistungsbereiter Menschen. Blickt man auf Sachsen und die Oberlausitz, dann darf man schon fragen, weshalb trotz sanierter Städte, hoher Kulturdichte und einzigartig schöner Landschaften, die unmittelbar vor den Toren der Ballungsgebiete liegen, engagierte Arbeitnehmer lieber weg- als herziehen. Zu den Ursachen gehört auf jeden Fall eine seltsame Sachsentümelei, die sich in Kampagnen wie "Sachse komm zurück" (unter Verzicht auf Frauen, Komma und Ausrufungszeichen) zeigt. Offen für Nicht-Sachsen zeigt sich das selbsternannte "Land von Welt" damit nicht. Das aber passt in das Weltbild Vieler der Zurückgebliebenen, die jeder Art von Fremdheit mit Misstrauen und Vorurteilen begegnen. "Offen für Menschen aus aller Welt" – das hätte ein Leitbild für Sachsen sein können.

Ein weiterer Bremsfaktor des Ostens sind Unternehmen, die, obgleich sie wirtschaftlich gut dastehen, sich dem geringeren Lohnniveau in Ostdeutschland anpassen. Teils werden die geringeren Löhne und Gehälter hier sogar als Vorteil gepriesen, obwohl sie doch eigentlich Nachteile für die ostdeutschen Standorte mit sich bringen, sowohl was die Kaufkraft betrifft, als auch für die Entwicklung der Unternehmen selbst: Wer Löhne geringer halten kann, braucht seine Produktivität nicht zu steigern.

Und es gibt einen – bei allen Fortschritten – sich selbst reproduzierenden Standortnachteil der ostdeutschen Länder: die etwa doppelt so hohe Arbeitslosigkeit im Vergleich zu den Westländern. Das Bemühen von Arbeitsagenturen und Jobcentern, sich ihrer Klientel zu entledigen, sie also in Anstellungsverhältnisse zu bringen, hat zu Verzerrungen im Arbeitsmarkt geführt: Eingestellt wird nur, wer gefördert wird. Wer als ungekündigter Arbeitnehmer in den Osten umziehen möchte, bekommt das knallhart zu spüren. Hier lassen bestimmte Unternehmen Teile ihrer Belegschaft regelrecht rotieren, um immer wieder in den Genuss von Lohnförderungen zu kommen; die Anforderungen an die Fantasie, wie man das macht, sind eher gering. Folge sind aber immer wieder unsichere, teils prekäre Lebensverhältnisse: Arm trotz Arbeit.

Eigentlich ist Regionalentwicklung durch Zuzug keine allzu schwierige Aufgabe. In den großen Städten werden mit der Mietpreisentwicklung immer mehr junge Leute und Berufsstarter verdrängt – eine klar umrissene Zielgruppe, die brachliegt. Hinzu kommt eine wachsende Lust auf(s) Land, das Raum für die Verwirklichung eigener Lebensentwürfe bietet. Ein Beispiel ist Kliemannsland, hier auch auf facebook.

Die andere Seite: Dem Osten mangelt es an den großen Wirtschaftsstrukturen, Konzernzentralen sind Fehlanzeige. Kleinunternehmen aber wird die Lust an Wirtschaften und Wachstum verdorben: Die mit der Einstellung eines Arbeitnehmers verbundenen bürokratische Lasten und rechtlichen Risiken führen in diesem Bereich immer wieder zum Verzicht.

Mit einem "Weiter so!" wird die Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer, wie bereits die jüngere Vergangenheit beweist, nicht mehr vorankommen,

meint Ihr Thomas Beier

Teilen Teilen
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort
Weitere Artikel
 
  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier | Quelle Katalogtitelbild: EGZ
  • Zuletzt geändert am 07.09.2017 - 05:58 Uhr
  • drucken Seite drucken