Grandseigneurs und frisches Blut beim Sachsendreier

Grandseigneurs und frisches Blut beim SachsendreierZittau, 13. Oktober 2013. Von Thomas E. Beier. Ein paar Akkorde genügen, um Dir einen Schauer den Rücken runterzujagen. So geschehen gestern Abend in Westparkcenter Zittau, als der Sachsendreier - unter diesem Namen treten die Bands Stern Combo Meißen, Lift und Elektra seit 1998 gemeinsam auf - teils fast 50 Jahre Rockmusik nutzte, um den Zittauern einzuheizen.

Von der Tagesreise durch dieses, dieses eine Leben

Von der Tagesreise durch dieses, dieses eine Leben

Als ich vor dem Konzert den Tisch des Merchandisers nach ein paar CDs durchstöberte um die Vinylsammlung zu ergänzen, konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, ob es denn nicht belastend sei, vor allem mit jahrzehntealten Erfolgen definiert zu werden. Als Antwort erntete ich einen beschwörenden Blick, gefolgt von den Worten: „Ich kann den ganzen anderen Scheiß nicht mehr hören.“

Schlagartig wurde mir klar, wie recht der Mann hat: Die Unterscheidung in der Musik geht längst nicht mehr nach Klassiker oder aktuell, nach Ost oder West, sondern nach dem, was man als "gut“ empfindet und dem, was eine qualitativ enttabuisierte Medienindustrie auf die Reise schickt, um daraus erst einen Massengeschmack zu formen und ihn dann zu bedienen.

Ein Freude wars zu sehen, wie die drei Bands Musik machten: Nicht etwa die Musik einer "Show“ untergeordnet, sondern zu spielen und sich dabei auf der Bühne zu zeigen, den Kontakt zum Publikum zu halten, ohne in billige Animation zu verfallen. Professionell und erfahren eben. Das Ambiente des Westparkcenters muss eine Herausforderung gewesen sein: Ordentlich mit Tischdecken versehene Tische, geraffte Vorhänge an der Wand. Mit Wehmut gedachte ich der Tanzsäle meiner Jugend...

Wenn auch nicht total ausverkauft, so war der Laden doch recht voll und neben etlichen Leuten aus der ewig jungen 50plus-Generation war auch die Unter-30-Fraktion (teils deutlich darunter) gut vertreten und hatte gewaltig Spaß.

Das mag auch daran liegen, dass es den Bands immer wieder gelungen ist, sich zu verjüngen, jungen Gesichtern neben den Urgesteinen eine Chance zu geben. Auffällig Manuel Schmid in der Stern Combo Meißen an den Keyboards und den Stimmbändern: Der Junge hat das Zeug, für die nächsten Jahrzehnte zum Aushängeschild der Band zu werden.

Stern Combo Meißen bringt DVD auf den Markt

Der Videomitschnitt des Konzerts der Stern Combo Meißen vom 8. April 2013 im Stage Theater am Postdamer Platz (wo auch das Udo Lindenberg Musical "Hinterm Horizont" läuft) kommt rechtzeitig vor Weihnachten in den Verkauf - aufgenommen im feinsten Dolby©-5.1-Surround. Es ist (endlich!) die erste eigene DVD der Meißner Sterne; das Stage Theater bot die Möglichkeit, die von der Band seit vielen Jahren genutzte Quadrophonie für die Aufnahme perfekt umzusetzen.

Zwei Männer vor der Bühne

Erfahrung mit der Udo Lindenberg Musik haben auch René und Martin Niederwieser (Vater und Sohn), die in Zittau für den Ton und das Licht gesorgt haben. Wer Auge und Ohr dafür hat, konnte auch bei diesen beiden Bühneninszenierern die Profis erkennen: Super Sound bei einer perfekt angemessenen Lautstärke, die dem Publikum erlaubte, ohne Brüllen und Gefahr der Körperverletzung zu kommunizieren. In der von Martin Niederwieder gedrückten Lichtshow fand sich eine Dynamik von der leisen Untermalung bis zum strahlenden Gewitter, bravo!

Technik(er) auf der Bühne

Und auch das macht den Sachsendreier aus: Wenn Not am Mann ist, schnappt sich Tonmann René Niederwieser (Perl, Wahkonda) die Klampfe und springt auf die Bühne. Wo gibts das sonst?

Der Strippenzieher

Zu verdanken ist nicht nur die Zittauer Mugge, sondern ein Gutteil der Ostock-Renaissance, Detlef Seidel, der mit seiner Art Agentur Seidel viele der Musiker wieder auf die Bühne geholt hat. Gegen Ende des Konzerts sitzt er entspannt bei den Technikleuten und man sieht: In dem Typ brennt es noch immer.

Beim Landskron-Bier erzählt er vom Konzert im Görlitzer Stadthallengarten,als wir bei den "Zwei Linden" ankamen, schien der Abend erst zu beginnen...

Auf der Bühne waren

Stern Combo Meißen
gegründet 1964 in Meißen
Martin Schreier (Gesang), Manuel Schmid (Gesang), Sebastian Düwelt (Keyboards), Frank Schirmer (Schlagzeug, Gesang), Axel Schäfer (Bassgitarre), aber - schade - ohne den erkrankten Thomas Kurzhals (Keyboards).
René Niederwieser (Special Guest, Gitarre)
Bandmanager Detlef Seidel hat übrigens den Hut auf für die Sachsendreier-Konzerte, In Görlitz: 2. Mai 2014, Landskron KULTurBRAUEREI.

Lift
gegründet 1973 in Dresden

René Decker (Bassgitarre, für Jens Brüssow), Peter Michailow (Schlagzeug), Werther Lohse (Sologesang,
Percussions, Keyboards), Bodo Kommnick (Gitarre, Gitarren-Synthesizer, Backgroundgesang), Ivonne Fechner (Violine, Keyboards, Gesang)

Electra
gegründet 1969 in Dresden
Bernd Aust (Flöte, Saxophon, Keyboards), Wolfgang Riedel (Bassgitarre), Andreas Leuschner (Keyboards), Ekkehard Lipske (Gitarre), ? (Schlagzeug, für Falk Möckel), Gisbert Koreng (Gitarre, Gesang - für Solosänger ”Mampe“ Peter Ludewig) und als Solosänger Stephan Trepte

Viele Konzertbilder in der Fotogalerie!

Kommentar:

Es gehört zur Tragik der untergegangenen DDR, dass ihre Bürger so manche der sozialistischen Wohltaten (im Gegensatz zur Repression der Diktatur) nicht zu schätzen wussten. So auch die hochgebildete Rockmusik-Szene, die im lavieren zwischen Anpassungszwang und Selbstverwirklichung Großes gebar.

Projekte wie Ekseption, Grönemeyer oder Genesis finden nicht erst heute im so genannten Ostrock ihr Pendant. Und mancher, die im güldenen Westen mehr oder weniger (freiwillig) karrierierte, hatte sein Wurzeln im Osten ausgebildet: Nina Hagen, Gerulf Pannach, der Kunert, Schoppe, Biermann soundso. Andere - Edelsteingewichte - machten es sich einfacher und kooperierten frühzeitig an der Schnittstelle zwischen Ost und West.

Das muss man dem Publikum im Fünfneuland zu Gute halten, dass es stets auch anspruchvolle Rockmusik angenommen und verdaut hat.

Ostrock ist irgendwie ein doofer Begriff,
Gehrock wäre besser, denn es geht weiter,

denkt Ihr Fritz R. Stänker

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Ergebnis: Ist "Ostrock" ein eigenes Genre?

unbedingt (47.1%)
 
teils (44.1%)
 
keinesfalls (8.8%)
 
weiß nicht (0%)
 
Nichtrepräsentative Umfrage
Umfrage seit dem 14.10.2013
Teilnahme: 34 Stimmen
Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Besetzung von Electra

Von Norika am 14.10.2013 - 11:10Uhr
Bei der Besetzung von electra ist ja ein massiver Fehler drin.
Mampe Peter Ludewig ist NICHT auf der Bühne, sondern Gisbert Koreng.

Red.: Danke - wird korrigiert!

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  • Quelle: Thomas E. Beier | Kommentar: Fritz R. Stänker | Fotos: BeierMedia.de
  • Zuletzt geändert am 13.10.2013 - 13:04 Uhr
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