Görlitzer Quartiersentwicklung bietet komplexen Lösungsansatz

Görlitzer Quartiersentwicklung bietet komplexen LösungsansatzGörlitz, 9. September 2015. Von Thomas Beier. Den märchenhaften Jungbrunnen für seine Stadt wünscht sich gewiss so mancher Bürgermeister. Doch aus eigener Kraft können Abwanderungsregionen wie Ostsachsen den nachteiligen Folgen des demografischen Wandels, der vor allem durch den Weggang junger, bildungswilliger oder gut ausgebildeter Leute gekennzeichnet ist, nicht begegnen. Ein städtebauliches Projekt in Görlitz bietet jetzt erfolgversprechende Ansätze.
Abbildung: Ein Arbeitsgruppe aus jungen Görlitzerinnen und Görlitzern auf dem Gelände des früheren Schlachthofs. Im hier entstehenden Wohn- und Arbeitsquartier sollen auch Versorgungs- und Gesundheitseinrichtungen angesiedelt werden.

Als Gegenpol zur Flucht in die Metropolen kleinere Städte für junge Leute attraktiv machen

Als Gegenpol zur Flucht in die Metropolen kleinere Städte für junge Leute attraktiv machen

iku-Geschäftsführer Hans-Friedrich Bültmann erläutert einer Arbeitsgruppe eine Planungsskizze für das Görlitzer Schlachthofgelände. Hier sollen sich künftig in einem weitgehend autarken Quartier Wohnen und Arbeiten verbinden.

Wo liegt das Problem? Dass junge Leute von den urbanen Zentren abgelegene Städte verlassen, um anderenorts höhere Bildung zu erwerben oder sich beruflich zu verwirklichen, ist ein völlig normaler Vorgang.

Das Problem in Görlitz besteht eher darin, dass die Stadt für junge Leute als Lebensort schlichtweg nicht attraktiv ist. Es gibt wenig Motivation, zu bleiben, und noch weniger, nach Görlitz zu gehen. Das hat weniger mit Freizeitangeboten oder Arbeitsplätzen zu tun, sondern damit, dass Szenen und damit Vernetzungsmöglichkeiten ebenso schwach ausgeprägt sind wie alternative Wohnformen und Arbeitswelten.

Hier will das nachfolgend beschriebene Projekt, bei dem es um die Entwicklung des früheren Schlachthofs zu einem Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten geht, den Hebel am wirkungsvollsten Punkt ansetzen.

Was tun?

Aus der Kybernetik wissen wir: Wer positive Entwicklungen einleiten will, muss weniger mit Förderungen oder gar Vorschriften arbeiten als vielmehr Entwicklungshemmnisse identifizieren und beseitigen.

Hier setzt das iku Görlitz (iku steht für Institut für Kommunal- und Umweltplanung) an und hat eine hervorragende Grundlage dafür, weil es im Auftrag des Eigentümers Franz-Josef Gausepohl das frühere Schlachthofgelände zwischen der Leipziger Straße und der Christoph-Lüders-Straße zu einem ökologischen Wohn- und Arbeitsquartier entwickelt.

In den früheren Görlitzer Schlachthof soll Leben einziehen

Dabei setzen der iku-Geschäftsführer Hans-Friedrich Bültmann, von Beruf Dipl. Ing. Architekt (TH), und der Görlitzer Büroleiter Thomas Müller, ganz im Sinne einer Planung von unten, auf Bürgerbeteiligung, erstmals ausschließlich mit der jungen Generation: “Nicht eine offizielle Verwaltung, sondern die junge Generation selbst hat das Recht, ihre Zukunft zu gestalten.”


Junge Görlitzerinnen und Görlitzer wollen aus dem Schlachthofgelände ein Quartier nach ihren Vorstellungen entwickeln.

Mit Erfolg, denn schon jetzt wirken viele junge Görlitzerinnen und Görlitzer in den vier Arbeitsgruppen mit. “Wenn wir vor allem für junge Leute attraktiv sein wollen, müssen wir sie mitgestalten lassen und deren Erwartungen umsetzen”, ist für den erfahrenen Projektentwickler Bültmann Grundsatz.

Aus Heidi Mühle, die in einer der Arbeitsgruppen mitarbeitet, platzt es heraus: “Wir bleiben hier, weil das Projekt Schlachthof besteht, weil wir hier unsere Zukunft sehen, sonst wären wir weg!”

Ein Plus an Qualität bei einem Minus an Kosten

Die Themengebiete, die von den Arbeitsgruppen als wichtigste Aspekte zur städtebaulichen Entwicklung des Geländes, das in der jüngeren Vergangenheit vor allem für Jugendfestivals genutzt wurde, beleuchtet und hinterfragt werden, machen den sozialen und ökologischen Anspruch des Vorhabens deutlich.

Dazu gehört vor allem, die Quartiersentwicklung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten plausibel darzustellen und die rechtlichen Aspekte einzubeziehen. Das ist die Grundlage dafür, soziale, ökologische und kulturelle Ansätze so einzubringen, dass für die Anlieger im Quartier die Lebensqualität steigt - und das bei gleichzeitiger Betriebskostenersparnis.

Starterhäuser

Ein interessantes Teilprojekt sind die Starterhäuser. Hintergrund: In Deutschland beginnen die Menschen statistisch mit Mitte 30, ein Einfamilienhaus zu bauen. Bis dahin haben Sie aber oftmals schon um die 100.000 Euro an Mieten gezahlt. “Wäre es nicht besser, dieses Geld viel früher in Wohneigentum zu investieren?”, so Bültmanns Sichtweise, “Aber in Wohneigentum, dass sich den sich ändernden Lebensverhältnissen anpassen lässt: Wenn Kinder kommen, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn Senioren aufgenommen werden oder eine WG entsteht. Diesem flexiblen Wohnkonzept, inklusive sozialer Vernetzung vor Ort, folgt das Starterhaus-Konzept.”

Nach Berechnungen der Planer liegen die monatlichen Belastungen für die Finanzierung eines Starterhauses im Bereich einer Wohnungsmiete, die Betriebskosten hingegen halbieren sich, vor allem wegen der konsequenten Nutzung regenerativer Energien.

Für ca. 25-jährige Bauherren und Bauherrinen - das ist in etwa das Durchschnittsalter in den Arbeitsgruppen, die das Gesamtprojekt vorantreiben - und die gesamte Gesellschaft sind die Konsequenzen dieser Sichtweise enorm. Wer eine lange Doppelbelastungsphase aus Ansparen und Miete vermeidet und in jungen Jahren baut, hat sofort Wohneigentum und unterm Strich mehr Geld zur Verfügung. Wohneigentum und verfügbares Einkommnen sind aber höchst wirksame Einflussfaktoren, wenn die Frage steht, sich Kinder anzuschaffen. Außerdem steht das Quartierskonzept dafür, dass auf einen Pkw ganz oder bei Paaren zumindest auf einen Zweitwagen verzichtet werden kann. “Ein Auto - das sind die 300 Euro monatlich für ein Kind”, so Bültmann.

Mischquartier

Das auf dem früheren Schlachthofgelände entstehende neue Stadtquartier soll Wohnen und Arbeiten vereinigen. Hinzu kommen in einem Bürgerhaus grundlegende Dienstleistungsangebote wie Lebensmittelverkauf, Veranstaltungsraum und eine kleine Gastronomie. Hier können die im angrenzenden Gewächshaus geernteten Gartenerzeugnisse sofort frisch verwendet werden. Ein Gesundheitshaus soll medizinische Betreuung und Pflege gewährleisten.


Hier - zentral im neuen Quartier - sollen das Gesundheits und das Bürgerhaus entstehen. Eine Arbeitsgruppe aus jungen Bürgerinnen und Bürgern befasst sich damit, was wünschenswert und machbar ist.

Insgesamt trägt das Konzept den Bedürfnissen junger Leute, die eine flexible Lebensplanung zulassen müssen, ebenso Rechnung wie denen der Älteren, indem es erlaubt, dass das soziale Zusammenleben sich immer wieder neu entwickelt.

“Vor allem die Verbindung von Wohnen und Arbeiten, verbunden mit Wachstumsmöglichkeiten, ist für Jüngere interessant”, meint der Görlitzer iku-Büroleiter Thomas Müller. Anderenorts sei erwiesen, dass sich aus so manchem studentischen Studierstübchen ein StartUp-Unternehmen entwickle und dann weitere Partner oder Mitarbeiter anziehe.

Quartiere als die Zellen der Stadtentwicklung


Stadtquartiere mit 3.000 bis 4.000 Bewohnern und höchsten anderthalb Kilometern Ausdehnung bieten eine ganze Reihe von Vorteilen: Man kennt sich, zumindest vom Sehen, kann alles zu Fuß erreichen, ob nun die Grundversorgungseinrichtungen oder idealerweise auch den Arbeitsplatz.

Auf dem Görlitzer Schlachthofgelände spielen zudem ökologische Komponenten eine große Rolle - ob geringe Versiegelung, neue Gewässer oder sogar landwirtschaftliche Nutzflächen, deren Erzeugnisse vor Ort unmittelbar verwendet oder weiterverarbeitet werden. Eigene Wasser- und Energieversorgungsanlagen sollen nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel schonen. Ein interessantes Detail ist beispielsweise die Nutzung eines Kellers zur saisonalen Wärmespeicherung.

Architektonischer Charakter bleibt erhalten

Die Schlachthof-Bebauung - in ihrer Substanz zwischen kurzfristig nutzbar und an Verfall grenzend - soll insgesamt erhalten werden. Das bietet Nutzern, vor allem in dieser frühen Phase, eine nicht wiederkehrende Chance, Ideen umzusetzen.

Der wichtigste Investitionsfaktor hier ist nicht das Geld, sondern die Zeit, die für die angestrebten Entwicklungsziele benötigt wird. Vor allem gefragt sind die early birds, also Leute, die die Objekte möglichst kurzfristig nutzen wollen - sei es für als Werkstatt, als Büro, als Lager, als Wohnraum, als Veranstaltungsraum. Einzelne Räume (Abbildung) sind bereits zur Renovierung oder zum Ausbau nach Nutzervorstellungen vorbereitet, iku-Experten und -Partner stehen hier auf Wunsch mit Rat und Tat zur Seite.

Um ihnen ein attraktiveres Umfeld zu bieten, sollen in mehreren Gebäuden Zwischennutzungen ermöglicht werden; fest im Plan ist zum Beispiel eine Werkstatt für Künstler. Auch die landwirtschaftliche und gärtnerische Nutzung soll entsprechend möglichst früh einsetzen.

Vorbildfunktion

Die Herangehensweise des iku Görlitz kann Vorbild auch für andere Görlitzer Quartiere sein.

Während Verwaltungen nach möglichst großen Einheiten streben, um die Verwaltungskosten im Griff zu behalten, orientieren sich Quartiere an den natürlichen Gegebenheiten des menschlichen Lebens, ähnlich, wie es früher in Kleinstädten und auf den Dörfern war, als Betriebe und Wohnungen noch dicht beieinander waren, die Kindergartenkinder beim Schmied durch die Tür guckten, der Tante-Emma-Laden und der Arzt zu Fuß erreichbar waren.

Wenn das in Görlitz Schritt für Schritt gelingt, dann kann die Stadt endlich sagen:
Wir können mehr als Fassade!

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Die frisch gestartete iku Webseite wird laufend ergänzt und erweitert. Hier sind auch Ansprechpartner und Kontaktmöglichkeiten zu finden.

Kommentar:

Entfremdung scheint - pessimistisch gesehen - das Stichwort unserer Zeit. So werden Kinder in Patchwork-Familien um den festen Elternbezug betrogen, Vergreisende müssen ohne ihre in die Ferne gezogenen Kinder klarkommen, Kontakt zur Arbeitswelt haben inzwischen viele Erwachsene nie gehabt, der Einkauf erfolgt beim Discounter oder um Supermarkt, zu dem man mit dem Auto durch die halbe Stadt kutschiert.

Wurzel für all das ist unser ungehemmter Ressourcenverbrauch, der allein durch die Bezahlbarkeit begrenzt wird, und ein Sozialsystem, das den Staat als Verantwortungsträger für persönliches Wohlergehen erscheinen lässt.

Der intelligentere Teil der jungen Generation hat längst erkannt, dass dies kein Zukunftsmodell sein kann. Sie rückt Lebensqualität durch achtsamen Umgang mit Mitmenschen, Gesundheit, Ressourcen, Umwelt und Zeit in den Mittelpunkt. Ihr geht es nicht darum, belastende Arbeitszeit um den Preis eines hohen Einkommens zu absolvieren, um dieses dann in knapp bemessener Frei- und Urlaubszeit zu verkonsumieren.

Entsprechend bieten verbreitete gesellschaftliche Normen wie Arbeitsvertrag, Ehe, Vorgarten oder Statussymbole keine Orientierung. Dabei ist es völlig egal, ob jemand das gut oder schlecht findet. Längst ist aus der Studenten-WG eine Wohn- und Sozialisierungsform geworden, die sich auch im Alter bewährt. Nur eine Ehe passt da nicht so recht dazu, es sei denn, der Wohnbau stellt sich diesen neuen Herausforderungen. Selbst Arbeitsverhältnisse werden immer öfter auf Projekte befristet, weil diese von sogenannten Fördermitteln (die aber in Wirklichkeit wirtschaftlich tragfähig wachsende Strukturen zerstören) abhängig sind.

Eine Quartiersentwicklung hingegen, wie sie am ehemaligen Görlitzer Schlachthof einsetzt, bietet die Rahmenbedingungen zur Weiterentwicklung der Wohn- und Arbeitswelten,

meint Ihr Thomas Beier

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Kommentare Lesermeinungen (4)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schlachthofgelände

Von Bertram Oertel am 12.09.2015 - 08:52Uhr
Warum muss das Rad immer wieder neu erfunden werden?

Bereits 1980 haben wir mit der, mittlerweile berühmten, Stollwerckbesetzung in Köln neue Wohn- und Lebensformen in einem zum Abriss vorgesehenen Quartier entwickelt. Das Quartier besteht heute noch und zeigt ein erfreuliches menschliches und kulturelles Leben. Auch in Köln-Deutz konnten unter Mitwirkung der Stadtentwicklung die Deutzer Hallen damals gerettet werden und jungen Künstlern als preiswerte Ateliers und Werkstätten angeboten werden. Dadurch entstanden die heute kaum noch bezahlbaren Arbeiten der "Der Jungen (Kölner) Wilden".

Vor ca. sieben Jahren, als der Abriss der alten Waggonfabrikhallen Ratsthema war, schlug ich als Neubürger, in Unkenntnis der herrschenden Görlitzer Ratsverhältnisse, dem damals amtierenden OB Paulick ein ähnliches Modell vor, welches er sofort in Bausch und Bogen verwarf. Abriss wurde und wird enorm bezuschusst, dagegen kosten Erhaltung und Folgenutzung Begeisterung, Fleiß, Zeit, Geld und viel Kraft....

Deshalb ist es erfreulich, dass sich ein Eigentümer gefunden hat, der offensichtlich genügend Geduld und Zeit mitbringt, um mit jungen Menschen ein derartiges Projekt der Selbstverwirklichung zu erstellen und zu betreiben.

Da gilt es allen Beteiligten viel Erfolg zu wünschen, dass Sie genügend Ausdauer und Elan mitbringen, um die bürokratischen und sonstigen Hemmnisse gemeinsam zu überwinden.

Schlachthofquartier

Von Dr. P.Sander am 10.09.2015 - 12:05Uhr
Die Idee der jungen positiv eingestellten Görlitzer ist toll.

Aber mit dem amtierenden OB nebst dem Stadtrat und seinen "Räten" sehe ich keine Chance einer Verwirklichung.

Negative Beispiele gibt es ja genug, leider ein Trauerspiel für meine alte Heimatstadt.

MfG

Dr. P. Sander

Die Ehe bleibt das Fundament

Von Gerd am 10.09.2015 - 10:18Uhr
Und die Ehe passt doch - denn Familie unterliegt beim Betrachten der Konsequenzen keinem Projektzyklus.

Vielleicht konnte ich Sie auch heute nicht "richtig" lesen.

Aber vielen Dank für Ihr Engagement. Aufbau Görlitz läuft...

Schlachthofquartier

Von Prof. Dr. Joachim Schulze am 10.09.2015 - 10:00Uhr
Kreative und zukunftsweisende Ansätze, die sich gut in die Entwicklung des so genannten "Brautwiesenbogens" einfügen könnten.

Mir gefällt, dass hier von der Basis möglicher künftiger Nutzer her etwas entwickelt wird und wünsche den MacherInnen das nötige Durchhaltevermögen, die Erschließung der erforderlichen Finanzquellen und viel Erfolg.

Wer sich als junger Mensch in derartigen Projekten engagiert, sieht offenbar eine Zukunft für sich und seine Familie in dieser Stadt - und das ist gut so.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 09.09.2015 - 16:46 Uhr
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