Wirtschaftsfunktionäre fragen nach Strategie für die Görlitzer Wirtschaft

Wirtschaftsfunktionäre fragen nach Strategie für die Görlitzer WirtschaftGörlitz-Zgorzelec. Dass die Wirtschaftskraft und die demografische Entwicklung in Görlitz nicht auf einem wünschenswerten Stand sind, ist bekannt. Neu ist hingegen, dass sich jene, die für die wirtschaftliche Entwicklung den Hut auf haben, nämlich die Unternehmer selbst, über einige ihrer Würdenträger hilfesuchend an den Görlitzer Oberbürgermeister wenden - nach dem Motto: Wer selbst keine Antworten weiß, stellt wenigstens kluge Fragen. So hat der Görlitzer IHK-Geschäftsstellenleiter Christian Puppe hat mit Datum vom 27. Januar 2010 „ein mit einer breiten Unternehmerschaft abgestimmtes Schreiben“ an Oberbürgermeister Joachim Paulick geschickt, verbunden mit der höflichsten Bitte, die darin formulierten Fragen wenn möglich sehr zeitnah zu beantworten. Unterschrieben ist das zugehörige Anschreiben „im Auftrag“ von jemanden, der seinen Namen offenbar nicht leserlich schreiben kann. Der Unterzeichner hätte seinen Namen durchaus mit interpretierbarer Schriftzeichen zu Papier bringen können, denn - so sagt der Bundesgerichtshof - gibt die Unterschrift mit „i.A.“ zu erkennen, dass der Unterzeichnende für den Inhalt des Schriftstücks keine Verantwortung übernimmt. Für einen Brief an einen Oberbürgermeister ist das schlicht ungezogen.

Wie schaffen wir eine neue Bevölkerungsstruktur? - und andere drängende Fragen

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So konstruktiv treten Görlitzer Unternehmer an den Oberbürgermeister heran: Das Schreiben vom 27. Januar 2010.

Doch nun zum Schreiben selbst. Das von Christian Puppe, IHK-Geschäftsstellenleiter in Görlitz, Heiko Kammler, Unternehmerverbandsvorsitzender und Dr. Knut Scheibe, Kreishandwerksmeister, unterschriebene Papier suggeriert gleich in der Einleitung, die Probleme der zu geringen Wirtschaftskraft, des Bevölkerungsverlustes und der Überalterung seien spezifisch Görlitzer Probleme. Nein, das sind sie nicht, einige dieser Probleme können in allen fünf Beitrittsländern lokalisiert werden, die Überalterung betrifft die ganze Bundesrepublik - bald wird jeder zweite Bundesbürger älter als fünfzig Jahre sein.

Dann wird die Keule ausgepackt: Die Erweiterung der Unternehmungen, Investitionen und Arbeitsplätze seien auch von den Perspektiven des Standortes abhängig. Ei freili - ist es aber nicht eher umgekehrt, nämlich dass die Perspektiven eines Standortes vor allem von der Entwicklung der örtlichen Wirtschaft abhängig sind?

Wer vom falschen Ausgangspunkt ein Ziel erreichen will, läuft zwangsläufig in die falsche Richtung, wenn er nicht in der Lage ist, sich neu zu orientieren. Entsprechend erwarten die Unternehmer offenbar von den politischen Akteuren und Verantwortlichen der Stadt ein „schlüssiges Konzept“ und eine „abgestimmte Strategie zur Entwicklung der Görlitzer Wirtschaft“. Soll nun die Verwaltung der Wirtschaft die Konzepte und Strategien vorgeben? Liebe Unternehmer, wenden Sie sich bitte an den Rat des Kreises, Abteilung Wirtschaft!

Aber es kommt noch besser: Gefordert wird „ein Gesamtkonzept für die Entwicklung von Rahmenbedingungen für die Görlitzer Wirtschaft“! Wer ein solches Konzept fordert muss zumindest definieren, welche Rahmenbedingungen entwickelt werden sollen. In einer globalisierten Welt, die sich rasant und immer wieder unverhofft verändert, dürfte ein solches Konzept veraltet sein, ehe der Schlusspunkt gesetzt ist.

Kurz gesagt: Wer sich als Wirtschaftsunternehmen nur an der Stadt Görlitz und der Region drumherum orientiert, hat was verpasst. Würde die regionale Wirtschaft Ihrer Aufgabe gerecht, müssten viele junge Leute - vor allem die Besten - ihre berufliche Perspektive nicht in der Ferne suchen. Angemessene Bezahlung, Karrieremöglichkeiten, Führungsqualitäten - in der Ostsachsen-Provinz oft genug Fehlanzeige.

Am letzten Teil des Schreibens hätte Victor Klemperer seine helle Freude: „...ist die Realisierbarkeit schonungslos zu prüfen ... konsequent, ohne Zögern und ohne vom Ziel abzuweichen in definierten Zeitabläufen umgesetzt ... unpopuläre Entscheidungen...“

Da spürt wenigstens das Engagement

Ihr Fritz R. Stänker

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Kommentare Lesermeinungen (5)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Ideenreichtum

Von Hermann Schwiebert am 09.02.2010 - 19:35Uhr
Sehr geehrter Herr Frank,

es ist schon erstaunlich, wie die Ideen so sprudeln können. Das wäre doch auch so eine neue Geschäftsidee:

Ein createur d'idées für die IHK!

Die Banken haben längst begriffen, wo das Geld sitzt. Die haben ihre Produkte für die Zielgruppe Ü50 bereits vor Jahren generiert.

Welche Altersgruppe hat im letzten Jahr beim Finanzdesaster sein Geld verloren? Bestimmt nicht die jungen Leute.

Sarkastisch könnte man sagen, wäre es der Wirtschaft gelungen, Produkte zu schaffen, die die Ü50 begeistern, hätten diese Menschen ihr Geld nicht der Bank oder freien Finanzberatern gegeben. Ergo hätten sie dann auch nicht so viel Geld verloren. Also ist die Wirtschaft an der Kapitalvernichtung nicht unschuldig...

Hier noch etwas brainstorming:
Hilfsdienste (kein Pflegedienst) um Bequemlichkeiten zu schaffen.
Geschäfte, die einfach zu bedienende Haushaltsgeräte vertreiben (Telefon mit großen Tasten ect.)

Gefasel von Überalterung

Von Frank am 09.02.2010 - 04:49Uhr
Sehr geehrter Herr Schwiebert,

ich verstehe das Gefasel von "Überalterung" auch nicht, da tun sich doch tausende Möglichkeiten auf, die Sie bereits angesprochen haben. Unsereiner schraubt sich die "SAT-Schüssel" noch alleine an und richtet seinen Receiver ein, kann sein E-Mailkonto einrichten, wechselt die Grafikkarte, baut eine neue Festplatte ein, programmiert den Router, renoviert seine Wohnung, bearbeitet seine Fotos, wechselt die Winterreifen... usw.

Das ist doch echt eine Chance für alle Dienstleister im Umkreis der Region, diesen Service den Bürgern, welche das nicht mehr können oder die sich damit nicht befassen wollen, zur Verfügung zu stellen.

Dazu kommen die Pflegedienstleister, welche tägliche Handreichungen und Einkauf übernehmen. Eigentlich müsste da ein Auskommen gegeben sein, wie Sie bereits angemerkt haben: Service hoch 3 für den, der danach fragt, der gibt auch Geld dafür aus.

Ich gehe auch gern zu einem 70-jährigen und richte den Router, den PC und seinen E-Mail Account ein, weil die Kinder 600 km weg wohnen, schaffen die das nicht. Diese Kunden sind echt dankbar und vermitteln einen gleich zum Nachbarn, der ähnliche Probleme hat, man muss dann aber auch sofort den Service bieten und nicht auf die Uhr sehen, dann ist die Chance weg.

Fazit: Der Markt ist da, Firmen in der Umgebung müssen bloss darauf reagieren. Diese "überalterten" Menschen freuen sich auch, wenn mal angerufen und nachgefragt wird, ob alles noch in Ordnung ist. Dieser Generation mangelt es nicht an Geld, sie möchten auch mit 70+ noch am aktiven Leben teilnehmen und honorieren das auch, aber es gibt noch zu wenige, die ihnen diesen Service bieten.

Wie gesagt, ein riesiges Potenzial, die Firmen müssen das nur nutzen und sich auf den Service einstellen.

MfG Frank

Überalterung

Von Hermann Schwiebert am 08.02.2010 - 19:42Uhr
Grundsätzlich wurde hier ja schon alles auf den Punkt gebracht: Ein Unternehmer ist jemand, der etwas unternimmt. Und was er unternehmen möchte, sollte er tunlichst schon in einem Businessplan niedergelegt haben.
Eine Vorlage gibt es kostenlos hier:
http://www.unternehmenswelt.de/businessplan-tool.html?gclid=CIONlsyu458CFQqJzAodUEqbMQ

Aber auch die IHK steht normalerweise hilfreich zur Seite, oder der Steuerberater... Auf jeden Fall ist es nicht Aufgabe des Bürgermeisters.

Ich verstehe gar nicht, wie die Herren von ihrer Bank das nötige Fremdkapital bekommen haben, ohne ein schlüssiges Geschäftskonzept zu haben.

Aber wer nur darüber klagt, dass Görlitz überaltert, dem ist nicht zu helfen. Grundsätzlich wird sich die ganze Bundesrepublik mit Überalterung zu beschäftigen haben. Sich damit zu beschäftigen heißt doch aber nicht, jetzt seinen Betrieb zu schließen, nur weil sich die Zielgruppe geändert hat. Nur wer innovativ ist und neue Produkte entwickelt, nur wer sich der geänderten Altersstruktur annimmt, nur der wird bestehen. Wer heute noch gerne Pferdekutschen verkaufen möchte, den wird der Markt aussortieren. Das ist das Wesen der Marktwirtschaft. Bedürfnisse wecken und Nachfrage schaffen. Wer das nicht möchte, der darf auch keine Geschäftskredite von seiner Bank erwarten. Das Geld würde in die falschen Ströme laufen.

Noch ein Wort zu der Altersstruktur in Zusammenhang mit dem im Briefanfang erwähnten kulturellen Leben. Sind die älteren Bürger denn kulturlos? Geht diese Bevöllkerungsgruppe nicht ins Theater, ins Kino, in die VHS und, und, und??? Schauen Sie sich die Statistiken an, in welch großem Umfang die Großeltern Geld für Ihre Kinder und Enkelkinder geben. Die dann wieder Nachfrage schaffen.

Also, nicht jammern, nachdenken, tüfteln, innovativ sein. Ein Ungternehmer muss eben schon was unternehmen, um an das Geld der Bevöllkerung kommen.

Abschließend, was viele schon begriffen haben, viele aber noch nicht: Service, Service, Service und Freundlichkeit. Dann kaufe ich auch gerne beim Fachhändler vor Ort ein und eben nicht im Internet. Schön für Görlitz, schön für uns alle...

5-Jahr-Plan

Von Frank am 05.02.2010 - 00:45Uhr
Normalerweise geht das ja so:

Der Unternehmer (deswegen nennt er sich ja so) hat einen Plan, der für ihn etwas abwirft, der schafft dabei noch Arbeit und Gewinn für die Stadt (und den Staat) durch seine Abgaben und klärt mit der Verwaltung ab, wie sie ihn als Steuerzahler unterstützen und ein für seine Firma angenehmes Umfeld schaffen kann.

Dann muss sich die Verwaltung drehen, damit auch sie ihre Existenzberechtigung nachweist und dem Unternehmer entgegenkommt sowie Arbeitsplätze und Gewinn für den Unternehmer auch zum Nutzen der Stadt entstehen.

Aber den Bürgermeister fragen: "Was sind die Schwerpunkte der Wirtschaftspolitik" und "Was wollen wir wie in Görlitz entwickeln" zeugt schon von geistigem Armut dieser Truppe. Das müssten die Unternehmer (und erst recht ihre Vertreter P., S.und K. schon selber wissen, die Schwerpunkte setzen die Unternehmer und die Stadt muss zuarbeiten.

Soll der OB denen noch sagen, welche Produkte sie entwickeln sollen? Wenn da einer mit einem Projekt kommt der 100 Leute beschäftigen will, dann setzt doch der Unternehmer den Schwerpunkt und bestimmt die Branche, in der er arbeitet. Woher soll das der OB wissen, was Unternehmer, die sich hier entwickeln wollen, für Projekte vorhaben?

Das Schreiben klingt wie "Was solllen wir denn jetzt bloß machen" - das hat vor der Wende der Chef der HO-Kaufhalle (der war kein Unternehmer, musste aber für den Mist seiner vorgesetzten Funktionäre geradestehen) seinem vorgesetzten Funktionär immer gefragt, wenn keine Butter oder kein Bohnenkaffee mehr da war, aber der hatte nicht annähernd das Gehalt und die Ausbildung von Herrn P., S. oder K., wie gesagt, ein Armutszeugnis und zugleich Ausdruck fehlender Ideen der Verfasser.

Den Rest meiner Gedanken zu diesem Thema haben der Meister Stänker und Herr Klaus bereits ausgeführt mit der für diese Herren auf den Punkt gebrachten Einschätzung des Herrn Klaus: "überzogenes Geltungsbedürfnis " und "Tätigsein vortäuschen" .

Herr Stänker, ihr Zitat: "Liebe Unternehmer, wenden Sie sich bitte an den Rat des Kreises, Abteilung Wirtschaft!" ist total daneben, P., S. und K. hätten eigentlich das Recht, den Fünfjahrplan für alle Betriebe, Innungen und Gewerke vom OB zu fordern, sonst wissen die Handwerker, die Industrie und auch die Händler ja nicht mehr, was sie morgen früh überhaupt noch tun sollen und der OB hat dann, wie immer, eindeutig die Schuld, wer denn sonst!

Die Herren (...) sollten einmal unter ihren Mitgliedern eine Umfrage starten, wer von den Händlern und Handwerkern noch bei ihren Vereinen Mitglied wäre, wenn nicht mehr der staatliche Zwang auferlegt wird dort Mitglied zu sein und Zwangsbeitrag zahlen zu müssen, der denen die Spitzengehälter (der Region angemessen) in die private Kassen spült. (...) /Anmerkung der Redaktion: Für Kreishandwerkerschaft und Unternehmerverband besteht keine Zwangsmitgliedschaft./

Dann fröhliches Erwachen, die leben ja noch weiter von ihren Mitgliedern weg als damals die SED-Kreisleitung von ihren Genossen.

MfG Frank

Funktionäre

Von Klaus am 04.02.2010 - 11:35Uhr
Lieber Herr Stänker,

Anerkennung für die klaren Worte, aber dieses Schreiben ist ja auch zu durchsichtig, es folgt dem alten Schema, für alle Erfolge sind wir zuständig und für alle Mißerfolge der Oberbürgermeister.

Ab und zu müssen sich die Lobbyisten ja mal zu Wort melden, um Tätigsein vorzutäuschen. Außer den ständigen Sticheleien und Angriffen gegen den Oberbürgermeister hört man ja sonst nichts von denen. Aber diese Angriffe kommen in schöner Regelmäßigkeit und sind offenbar mit den anderen OB-Gegnern gut koordiniert. Man erinnere sich nur an die Anzeige von Puppe und Scheibe zwei Tag von der Wahl.

Wenn der OB Handwerker und Unternehmer zum Gespräch ins Rathaus bittet, dann nörgeln die beiden nur rum, wie man immer wieder lesen kann. Konstruktives habe ich jedenfalls von allen Dreien noch nie gehört, wo sind denn ihre Konzepte, um die Unternehmer zu unterstützen. Zum Beispiel die Firmen in Hagenwerder, die von ihrem Standort vertrieben werden sollen, oder die Firma, die in Hagenwerder Kies abbauen will?

Es scheint mir nur überzogenes Geltungsbedürfnis zu sein, gepaart mit politischer Einflussnahme, was Puppe, Scheibe und Kammler mal wieder antreibt.

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  • Quelle: red | Fritz Rudolph Stänker | Foto: BeierMedia.de | Erstveröffentlichung am 03.02.2010 - 03:21 Uhr
  • Zuletzt geändert am 03.02.2010 - 02:38 Uhr
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