Schwarz abgedeckt

Schwarz abgedecktGörlitz, 19. Juni 2006. Im Zusammenhang mit der internationalen Medienkunstausstellung „Die Vergänglichkeit des Schönen“ (der Görlitzer Anzeiger berichtete) hat sich die Stadt Görlitz den Hut für eine Provinzposse aufgesetzt: Die bereits aufgehängten Straßenplakate wurden überklebt - auch wenn die Sommersonne es wieder an den Tag bringt, weil sie die Selbstklebe-Folie dahinschmelzen lässt.

Hintergrund der Aufregung sind ein Mädchen und ein Junge, die in einer balletartigen Szene (aus einem der Ausstellungbeiträge entlehnt) auf dem Plakat angebildet sind (siehe Abb.). Angeblich gehe nun in Görlitz die Angst vor Pädophilen um.

Kommentar

Erst einmal einen Glückwunsch an die Kulturhauptstadt-Geschäftsstelle, die das Plakat mit schwarzer Folie überkleben lässt - die Farbe scheint irgendwie zu passen.

Keinen Glückwunsch an jene, die den Anblick von unvermummten Kindern sofort auf dumpfe Art mit Pädophilie vernetzen - das spricht Bände über den Zustand von Seele und Geist.

Dem Görlitzer Oberbürgermeister ist dabei kein Vorwurf zu machen, er ist quasi gezwungen, zu reagieren, wenn die berüchtigten „Hinweise aus der Bevölkerung“ eingehen.

Und dem Kulturhauptstadtbüro, in seinem Versuch, durch Abkleben zu retten, was zu retten ist, auch nicht. Und vor allem nicht für den tapferen Versuch, das sich auf den Weg zur Kulturstadt machende Görlitz mit der Moderne in Form der Medienkunstausstellung zu befruchten - einer Ausstellung, die exzellent die Brücke zum angestrebten „Forum for Arts and Media“ schlägt.

Also hat keiner Schuld? Fakt ist: Nach diesem im kleinen Görlitz erlebten Mechanismus kippen ganze Gesellschaften: Wenige dünkelhafte Gestalten, Handeln von Amts wegen, vorauseilender Gehorsam, Gleichgültigkeit „wenn die das so wollen“, „ist ja was dran“ - süffisantes Lächeln, aber mitspielen.
Was mögen sich die russischen Videokünstler von A.E.S+F - die Produzenten des Videos, dem das Bild entnommen ist - denken? Die halbe Welt hat das Motiv gesehen und keinen Anstoß genommen, nur die Kulturstadt . . .

Wenn etwas schwarz überklebt werden sollte, dann ist es in Deutschland die Fernseh-Bildröhre bei manchen Kanälen. Und bei Werbesendungen, die hemmungslos immer jüngere Menschen bis hin zum Kleinkind einsetzen, um das menschliche Trieb-Reiz-Verhalten noch intensiver zu stimulieren. Wie wahr der Anspruch des Schweizers Franticek Klossner, einer der ausstellenden Künstler, „Den Massenmedien etwas Sinnvolles entgegen setzen!“.

Wer allerdings im Zusammenhang mit dem Medienkunstausstellungs-Plakat von Pornografie und Obszönität spricht, sollte sich erst einmal die Definitionen der Begriffe (bspw. unter www.wikipedia.de) ansehen und dann den Versuch starten, Kunst zu erfassen.

Görlitz kann Kulturstadt werden, einzige Bedingung: Weg mit den Scheuklappen der Provinz!

Für die Görlitzer Rentner aber gibt es Entwarnung: Ihr braucht keine Angst vor Pädophilen zu haben, wirklich nicht!

Thomas Beier


Ausstellung:

Die Vergaenglichkeit des Schoenen
einen internationale medienkunstausstellung
in der stadthalle goerlitz, alle Säle und Foyers
| 22. Juni bis 2. Juli 2006
| je von 14 bis 20 Uhr
| 13 Künstler, 14 Werke

Eintritt: 4,50 €
ermäßigt 2,- €
Schulklassen Extratarif

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  • Quelle: /Thomas Beier /Fotos: beiermedia.de
  • Zuletzt geändert am 19.06.2006 - 22:31 Uhr
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