Stadthalle Görlitz einsturzgefährdet

Stadthalle Görlitz einsturzgefährdetGörlitz, 10. September 2014. Das Trauerspiel um die Görlitzer Stadthalle, wie das historische Kaufhaus der Stadt ein Jugendstil-Bau, strebt seinem nächsten Höhepunkt entgegen. Die Strebepfeiler, die nach dem Einsturz von 1908 angebracht wurden, sind marode.
Abbildung oben: Zentralbild Löwe Vgt-Noa 27.4.1959. Vorbereitendes Material zur Europäischen Gewerkschaftskonferenz an der Oder-Neiße-Friedensgrenze. Internationale und nationale Gewerkschaftsorganisationen verschiedenster Weltanschauung und Richtung fast aller europäischen Länder sind zur Teilnahme an der Internationalen Konferenz der Gewerkschaften und Werktätigen Europas für einen Friedensvertrag mit Deutschland, für Abrüstung und für das Verbot der Atomwaffen vom 8. bis 10. Mai in Görlitz eingeladen worden. (Näheres siehe ADN-Meldung Nr. 216 v. 23.4.1959)
Quelle: "Bundesarchiv Bild 183-63751-0004, Görlitz, Boehme-Denkmal, Stadthalle" von Löwe - Dieses Bild wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Das Bundesarchiv gewährleistet eine authentische Bildüberlieferung nur durch die Originale (Negative und/oder Positive), bzw. die Digitalisate der Originale im Rahmen des Digitalen Bildarchivs. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0-de über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-63751-0004,_G%C3%B6rlitz,_Boehme-Denkmal,_Stadthalle.jpg#mediaviewer/File:Bundesarchiv_Bild_183-63751-0004,_G%C3%B6rlitz,_Boehme-Denkmal,_Stadthalle.jpg

Standsicherheit der gesamten Stadthalle erheblich gefährdet

Standsicherheit der gesamten Stadthalle erheblich gefährdet

Quelle: http://mitteldeutschearchive.de/scholz-fotos/. Lizenziert unter Public Domain über Wikimedia Commons (Link siehe unten)

Thema: Stadthalle Görlitz

Stadthalle Görlitz

Die Stadthalle Görlitz wurde 1910 als Veranstaltungsort des Schlesischen Musikfestes eröffnet. Hoher Sanierungsbedarf und die ungenügende Selbstfinanzierung führten zur Einstellung des Betriebs und zu Verkaufsbestrebungen seitens der Stadt Görlitz, allerdings konnte seit 2008 kein passender Käufer gefunden werden. Die Ende Januar 2010 vom Stadtrat beschlossene Sanierung wurde, ohne dass Arbeiten am Gebäude begonnen hätten, im Oktober 2012 gestoppt, weil Fristen für Fördermittel zu kurz waren. Eine große Herausforderung stellen die Betriebskosten für die Stadthalle Görlitz dar.

Die neue Erkenntnis ist Ergebnis eines im Mai 2014 von der Stadt Görlitz an das Architektur- und Ingenieurbüro Wünsche und Langer erteilten Auftrags zur Untersuchung und Sanierung der vier Strebepfeiler an der Stadthalle. Als Prüfingenieur wurde Dr.-Ing. Klaus-Jürgen Jentzsch aus Dresden hinzugezogen. Die fatalen ersten Ergebnisse der Untersuchung waren gestern am Tisch des Görlitzer Oberbürgermeisters Siegfried Deinege vorgestellt und ausgewertet worden.

Welche Funktion haben die Strebepfeiler?

Die vier Strebepfeiler gehören zu den Verstärkungen der Gebäudestatik, die nach dem Einsturz der von 1906 bis 1910 errichtreten Stadthalle im Jahr 1908 durchgeführt wurden. Damals hatte sich gezeigt, dass die Gesamtstabilität des Gebäudes nach dem ursprünglichen Konzept erhebliche Schwächen aufwies. Daraufhin wurden nachträgliche Verstärkungen konzipiert, die allerdings, aus Gründen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind, nur teilweise umgesetzt wurden.

Auf jeden Fall wurde die Dachkonstruktion so verstärkt, dass sie die erheblichen Windkräfte auf die Saalwände jetzt mit aufnehmen konnte. Zur Ableitung dieser zusätzlichen Windkräfte aus der Dachebene wurden an den vier Außenecken des Saales außenliegende Stahlkonstruktionen angebracht. Diese wurden komplett mit den außen sichtbaren Strebepfeilern vollständig ummauert, weshalb sie für Wartungszwecke nicht mehr zugängig waren - geschuldet der Tatsache, dass die Verstärkungen nachträglich angefügt werden mussten.

Wir jetzt die Situation ist

Eine erste Untersuchung im Jahr 2012 durch das das Architektur- und Ingenieurbüro Wünsche und Langer hatte bereits gezeigt, dass bei einer Gesamtsanierung der Stadthalle auch die Strebepfeiler hätten ertüchtigt werden müssen. Nach dem Stopp für das Gesamtprojekt waren zumindest die dringendsten Sicherungsmaßnahmen zum Erhalt des Gebäudes eingeleitet worden, so auch die weiteren Untersuchungen und die Sanierung der Strebepfeiler.

Nachdem nun die Sandsteinverkleidungen abgernommen worden waren und die Konstruktion zugänglich gemacht wurde zeigte sich, dass die Schäden größer als erwartet sing - so groß, dass die Standsicherheit der gesamten Halle erheblich gefährdet ist. Verwunderlich ist das nicht, waren doch die außenliegenden Pfeiler mehr als hundert Jahre der Witterung ausgesetzt. Dadurch sind die stählerne Stützkonstruktion und das Mauerwerk der Pfeiler durch Korrosion und Verschleiß soweit geschwächt, dass sie ihre Funktion nicht mehr ausreichend erfüllen können.

Es bleibt nur festzustellen, dass die Konstruktion ihre Nutzungsgrenze erreicht hat und eine umfassende Sanierung zwingend notwendig ist. Die jetzige Situation gleicht der im Jahre 1908, es besteht die Gefahr des Spontanversagens der Tragkonstruktion und damit des Einsturzes.

Die Konsequenzen

Der Stadtverwaltung bleibt aktuell nur der Schluss, dass eine Nutzung der Halle derzeit nicht zu verantworten ist. Die Stützpfeiler müssen dringend saniert werden, wobei die modernen Sicherheitsanforderungen zu beachten sind. Deshalb muss die Stadthalle für öffentliche Nutzungen bis zur Sanierung der Strebepfeiler absolut gesperrt bleiben. Das betrifft, wie die Verwaltung bedauert, auch die geplante Öffnung der Halle zum Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag.

Zusätzlich wird die Halle ab sofort mit einem Bauzaun gesichert. Der Rad- und Fußweg unter dem Hauptzugang der Stadthalle kann nicht mehr genutzt werden.

Zum Foto der eingestürzten Stadthalle:
"Robert Scholz - Stadthalleneinsturz 1908 Görlitz 01" von Robert Scholz (6. Juli 1843 - 21.Oktober 1926) - http://mitteldeutschearchive.de/scholz-fotos/. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Scholz_-_Stadthalleneinsturz_1908_G%C3%B6rlitz_01.png#mediaviewer/File:Robert_Scholz_-_Stadthalleneinsturz_1908_G%C3%B6rlitz_01.png


Mehr Hintergründe erfahren Sie im Görlitzer Anzeiger!

6. Februar 2014: Ruinen schaffen ohne Waffen
18. November 2012: Bürgerforum zur Stadthalle Görlitz
10. Oktober 2012: Sanierungsstopp für die Stadthalle Görlitz
9. Oktober 2012: Stadthalle Görlitz: Deinege zieht Notbremse
27. Oktober 2010: 100 Jahre Görlitzer Stadthalle
26. Mai 2008: Konzert ohne Publikum

Kommentar:

Na, da sind wir dem Grand Budapest Fiasko ja gerade noch einmal entgangen - nicht auszudenken, wenn ein Stadthalleneinsturz das Kulissenbild getrübt hätte. Immerhin hatte die Stadthalle Görlitz den Eingangsbereich zum "The Grand Budapest Hotel" abgegeben.

Zu denken ist jetzt allerdings etwas anderes: Ist die Stadthalle Görlitz nun endgültig zum Groschengrab geworden? Wo ist das Limit für das Bugdet, das für einen verschlissenen, außer für Tanzstundenbälle kaum noch zeitgemäß nutzbaren Bau bereitgestellt werden müsste?

Sollten sich die Überlegungen nicht eher in der Alternative zwischen Stadthallenverzicht und modernem Neubau bewegen?

Für die alte Stadthalle findet sich garantiert ein Hollywood-Drehbuch, wo das Zusammenkrachen des Gebäudes gut reinpasst.

Vielleicht sogar zur Rahmenhandlung des Einsturzes von 1908, authentischer geht´s nimmer,

meint Ihr Fritz R. Stänker







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  • Zuletzt geändert am 10.09.2014 - 18:30 Uhr
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